• Tim

Aus der Tiefe bis auf's Dach der Welt

Wieder einmal pünktlich zum Wochenende, erreichen wir das Blue Eye. Eine Karstquelle, die pro Sekunde 6-7 Kubikmeter Wasser spuckt. Damit ist sie die wasserreichste Quelle des Landes und speist die „Bistrice“. Die genaue Tiefe der Quelle ist bis heute nicht erforscht, da der Wasserdruck die Taucher und Gerätschaften davon abhält in dem tiefen Blau hinab zu tauchen.


Ein 180qkm großer Nationalpark verläuft rund um das Blue Eye, was für einen urwaldartigen Pflanzenbewuchs sorgt. Ein beeindruckend farbenreiches Stück Natur!

Wenn da nicht wieder die Massen von Touristen wären. Ein Reisebus nach dem anderen kutschiert Tag für Tag tausende Menschen aus aller Welt zu dem beliebten Ausflugsziel. Sobald einer der Busse die Türen öffnet, fällt der gesamte Inhalt, bewaffnet mit Handy und Kamera, über das sprudelnde Wasser her und knipst in gestellten Posen das obligatorische Instagrambild, um dem Rest der Welt die verbrannten Gesichter zu präsentieren.. Eine widerliche Angewohnheit, die sich viel zu viele Menschen von der Gesellschaft aufbinden lassen!! Nach einer halben Stunde geht es dann schon weiter zum nächsten Fotomotiv. Erschreckend mit welcher Hektik eine solche Tour abgearbeitet wird.

Wir machen es auf unsere Art! Nämlich deutlich entspannter. Wie lange wir an der Quelle bleiben, steht als wir dort ankommen, noch nicht fest. Da wir einen tollen Platz zwischen einer steilen Felswand und im Wind raschelnden Bäumen finden, um unser Auto zu parken, bleiben wir letztendlich ganze 3 Tage und beobachten belustigt das gerade beschriebene Schauspiel, während wir an unseren Projekten arbeiten. :D

Morgens, in aller Frühe, nutze ich die menschenleere „Golden Hour“, um meine Bilder zu schießen und die Natur zu genießen. Ich erfreue mich an den vielen, ebenso wie ich, touristenscheuen Tieren, die sich vor mir, als leisem Beobachter, nicht zu verstecken brauchen.



Während ich entlang der Bistrice in Richtung Quelle laufe, beobachte ich unglaublich große Kreuzspinnen beim Verspeisen des nächtlichen Fanges und Reparieren des Netzes. Kleine Vögel baden im kühlen Wasser und über mir kreist ein Raubvogel. Die großen Blätter der Wasserpflanzen sind mit Raureif bedeckt und bringen das Ufer zum Glitzern, als sie von den ersten Sonnenstrahlen erreicht werden. Langsam schwindet die mystische Atmosphäre und weicht dem Gezwitscher der Vögel.


Kaum ist die Sonne über die Bergkuppen hinweg, kommen auch schon wieder die Tourbusse und machen das idyllische Bild kaputt. Ich laufe zurück zum Wohnmobil und lege mich nochmal hin. Als ich wieder aufwache, ist um unser Auto herum die Hölle los. PKWs quetschen sich in die kleinsten Lücken und der kleine Fleck, der neben uns noch frei ist, gleicht einem asiatischen Rollerparkplatz. Während ich dabei bin die morgens geschossenen Fotos zu bearbeiten, frage ich mich immer wieder, wie die Personen, die im Reisebus ankommen, diesen Auflauf überhaupt genießen können? Aber nun ja… Das soll nicht meine Sorge sein! :D

Am letzten Abend am Blue Eye lernen wir Sebastian und Marlene kennen. Das nette Pärchen ist uns sofort sympathisch und so kommen wir schnell ins Gespräch. Wir quatschen und quatschen, trinken Bier und Wein und lassen gemeinsam den Rest des Tages an uns vorbeiziehen.

Als die beiden wieder in ihr eigenes Reisegefährt gehen, bemerken Lola und ich, dass um unser Auto herum alles voll mit Glühwürmchen ist. Begeistert begeben wir uns auf „Safari“ und beobachten das unermüdliche Geblinke der kleinen Tierchen, bevor wir uns auch ins Bett verkriechen.

Der nächste Morgen beginnt früh. Zwar nicht so früh wie der vorherige aber es ist noch nicht einmal 10 Uhr, als wir mehr als genug von den Reisebussen haben und in Richtung Berat aufbrechen. Berat ist mit 2400 Jahren die am längsten besiedelte Stadt Albaniens und lockt mit uralter Architektur. Außerdem haben mittlerweile meine und Lolas FlipFlops aufgegeben und mein Bart muss gestutzt werden, bevor es in ein paar Tagen zum Arbeiten in die Schweiz geht.

Die Fahrt auf den bergigen Straßen zieht sich wie Kaugummi. Eigentlich rechnen wir mit 2 Stunden Fahrzeit. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Erst nach 6 Stunden erreichen wir Berat. Die Stadt der tausend Fenster wird ihrem Namen gerecht und begrüßt uns mit ihrer schönen Bauart der alten Häuser.

Dank einer App-Empfehlung, „Park4Night“, haben wir noch vor dem Eintreffen in Berat, eine Vorstellung davon, wo wir schlafen können. Der Platz soll ganz oben am Castle liegen und einen wahnsinns Ausblick haben. Nachdem wir mehrfach feststellen, dass unser Bus zu groß für die, vom Navi vorgeschlagenen, Zufahrtstraßen ist, umfahren wir die komplette Stadt und nehmen eine abgelegenere Zufahrt. Eine typisch albanische Straße führt bis direkt zur Festung. Steil, riesige Schlaglöcher, rissiger Asphalt, Kopfsteinpflaster und jede Menge Gegenverkehr begleiten uns auf dem Weg nach oben.

Als wir die Burg erreichen, stellen wir fest, dass wir nicht alleine sind. Einige weitere Camper stehen vor dem Eingang auf einem kleinen Parkplatz im Schatten zwischen Nadelbäumen. Wir gesellen uns dazu und entscheiden trotz leichtem Regens die alten Gemäuer zu erkunden. Die offizielle Besuchszeit ist längst vorbei und eigentlich ist uns der Eintritt nicht mehr gestattet. Doch darauf geben wir nicht allzu viel, denn wir lieben es touristische Orte zu unmöglichen Uhrzeiten zu erkunden.

Wir laufen an schieferbedeckten Steinhäusern vorbei, entlang der Burgmauer und erreichen den großen Marktplatz auf dem Gipfel des Berges, auf dem die Burg errichtet wurde. Langsam verzieht sich der Regen und eine faszinierende Aussicht tut sich auf. Die Sonne versinkt hinter den, in Wolken gehüllten, umliegenden Bergen und taucht die Stadt in ein kräftiges, orangenes Licht. Die kleine Kathedrale am Rand der Burg wird von den letzten Sonnenstrahlen so beleuchtet, dass sie selbst mir wie ein heiliger Ort erscheint. In meiner Phantasie brennt sich ein Bild fest: Überall laden, in Trachten gekleidete Menschen ihre nicht verkauften Waren auf hölzerne Handkarren, um sie im Abendlicht nach Hause zu transportieren. Reges Treiben auf dem jetzt so menschenleeren Platz.. Ich fühle mich schlagartig wie in eine andere Zeit versetzt.



Glücklich, die kleine Exkursion noch am Ankunftsabend gemacht zu haben, gehen wir zurück zu unserem Dicken. Nach einem schmackhaften Byrek legen wir uns hin und schlafen mit dem wieder aufkommenden, leicht prasselnden Regen auf dem Dach ein.

Morgens um 6 Uhr haben wir wieder mal eine kleine Privatsauna. Die Sonne heizt uns ordentlich ein und wir müssen schleunigst aufstehen, um nicht in unserem eigenen Saft zu schwimmen. Während wir unseren morgendlichen Kaffee schlürfen, kommen Björn und Luisa zu uns. Das Pärchen, das seit 7 Monaten im T4 durch Europa tourt, hat die Nacht ebenfalls an der Burg verbracht und sucht am Morgen den Kontakt zu uns. Wir verstehen uns auf Anhieb super und entscheiden den Tag zusammen zu verbringen. 2 Tage zuvor dachten Lola und ich darüber nach, was wir mit unseren letzten 3 Tagen in Albanien noch anfangen wollen. Diese Frage hat sich mit dem Treffen der beiden erledigt..

Unter der Markise sitzend, spielen wir Karten, hören Musik, machen gemeinsam Essen und erzählen. Das Ganze zieht sich bis in die tiefe Nacht und am nächsten Morgen machen wir genau da weiter, wo wir aufgehört hatten. :D Zwei wirklich nette Tage vergehen, aus denen ein alter Wunsch wieder auflebt. Gemeinsam mit anderen „Verrückten“ zu reisen!

Wenn da nicht die Arbeit wäre, die in der Schweiz auf uns wartet. Leider bleibet uns nur noch ein Tag, bis wir auf die Fähre in Durres müssen, um nach Ancona überzusetzen. Wenn dem nicht so wäre, würden wir sofort mit den beiden weiter nach Griechenland fahren und das Abenteuer suchen. Doch daraus wir nun mal leider nichts.

Wir verabschieden die beiden Europareisenden und verabreden, eventuell im nächsten Jahr zusammen eine Tour zu machen, bevor wir es endlich schaffen in die Stadt zu gehen. Die Sonne brennt mal wieder erbarmungslos und die überfüllte Stadt überflutet alle Reize. Daher entscheiden wir, während wir in einem schicken Restaurant sitzen und essen, die Altstadt nicht zu erkunden, auch wenn das der eigentliche Grund für unseren Besuch ist. Nach nur zwei Stunden machen wir uns auf den Rückweg zum Auto. Ich habe mich schon damit abgefunden mir den Bart selber zu stutzen, als Lola plötzlich einen Berbershop ganz in der Nähe unseres Parkplatzes entdeckt. Ich betrete den Laden und werde von einem älteren Herrn im Doktorkittel empfangen. Nach einer kurzen Übersetzunghilfe eines Kollegen nimmt er leidenschaftlich seine Arbeit auf. Er rasiert, schneidet, stutzt und kämmt was das Zeug hält und nach nicht einmal 10 Minuten sehe ich aus wie ein neuer Mensch. :D

Danach führt uns unser Weg quer durchs Land in Richtung Küste. Wieder einmal blitzt und donnert es, als wir über die Berge fahren. Über mehrere Kilometer kommen uns immer wieder Autos mit Warnblinker entgegen. „Was wollen die uns damit sagen??“ Plötzlich überflutet ein mächtiger Platzregen die Straßen und lässt sie aussehen wie braune, reißende Flüsse. „Das war also der Anlass für das Anschalten der Warnblinker!“ Noch nie im meinem Leben habe ich einen solchen, monsunartigen Regen in Europa erlebt!

Am Straßenrand versuchen triefend nasse Bauern ihre Strohballen vom Feld zu retten und fahren mit ihren kleinen, überladenen Motorkarren durch die Fluten. Das sind andere Prioritäten, als sie bei uns gesetzt werden! Und zeigt mal wieder ganz klar, wie abhängig das Leben der Bevölkerung von der Natur ist. Schade, dass der Müll trotzdessen allgegenwärtig ist und in Landschaft, Meer und Flüssen landet.

Als wir Durres erreichen ist es noch früh. So entscheiden wir, noch nach Kruje zu fahren und die Nacht nicht auf dem Hafengelände zu verbringen. Das kleine Dorf soll einen schönen Basar haben und außerdem haben wir wieder einmal eine Nachtplatzempfehlung bekommen. Wir fahren wie immer steil bergauf und erreichen nach knapp einer Stunde im Sonnenuntergang „das Dach der Welt“. Schnell packen wir Kamera und Stativ aus, um eine Timelapse zu starten und setzen und auf eine Decke, um den immer kontrastreicher werdenden Sonnenuntergang zu beobachten.

Die Stadt, die zu unseren Füßen liegt, sieht aus wie Spielzeug und als das letzte Sonnenlicht verschwunden ist, bringt die Beleuchtung sie zum Glitzern. Was für ein Anblick! *.* Schnell wird es ziemlich kalt in dieser Höhe und der Gedanke an die bevorstehende Arbeit drückt... Trotzdem genießen wir unseren letzten Abend in Albanien sehr und lassen das Erlebte der letzten 3 Wochen noch einmal Revue passieren, bevor wir ins Bett gehen.


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Reisen in grün

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