• Tim

Die Gewalt der Natur

Es geht weiter. Nachdem wir uns damit abgefunden haben, dass wir unsere gesamten LEK in der Werkstatt gelassen haben, sind wir wieder voller Tatendrang. Wir machen uns auf den Weg nach Gjipe. Die Bucht, mit beeindruckend blau leuchtendem Wasser, wird immer wieder im Reiseführer erwähnt und von anderen Reisenden empfohlen. Das wollen wir uns auf gar keinen Fall entgehen lassen.

Nach einer Tagestour auf den Straßen Albaniens erreichen wir in der Dämmerung den Parkplatz, der zu dem Strand gehört und uns einen ruhigen Ort zum Nächtigen bietet. Dieser liegt in mitten einer „Roterde-Region“ und erinnert mich ein wenig an die Bilder, die ich von Australiens Wüste kenne. Kantige Felsformationen, dornige Büsche und vereinzelte Bäume prägen das Landschaftsbild, entlang der Küstenstraße.

Um Gjipe zu erreichen, müssen wir eine knappe halbe Stunde laufen. Der Weg ist ausgewaschen, steil und in der prallen Sonne eine kleine Herausforderung. Doch das Panorama, das sich bis zum Horizont erstreckt, lässt uns die Anstrengung vergessen.

Der steinige Weg endet im kieseligen Sand des Strandes. Ein Anblick wie auf einer Karibikinsel raubt mir den Atem. Eingerahmt von den Ausläufern des angrenzenden Canyons, branden schäumende Wellen ans Ufer. Ein tolles Bild! Wenn da nicht all die Sonnenschirme, Liegen und Strandbars wären. Durch den wachsenden Tourismus in Albanien werden überall und gefühlt an jedem freien Stück Strand neue Bars, Restaurant und Hotels errichtet. Und genau das nimmt Orten wie diesem das besondere Etwas.

Überrumpelt von den Tourimassen beschließen wir, wieder einmal ohne etwas zu Essen im Gepäck, in den Canyon zu flüchten. Der kühle Schatten ist eine Wohltat und nach nur 20 Minuten erreichen wir ein knapp 2 Meter tiefes Becken. Dieses füllt sich unter einem Wasserfall mit Flusswasser und ist eine willkommene Abkühlung. Als ich nackt in dem etwa 3 Meter breiten Pool untertauche, fühle ich mich für einen kleinen Moment wie der erste Mensch an diesem Ort. Das ist natürlich absoluter Quatsch aber dennoch ein tolles Gefühl. :D

Auf dem Rückweg beobachten wir grün glänzende Grillen, kleine Echsen und uralte, knorrige Bäume. Unerwarteter Weise bietet dieser Canyon ein ganz anderes Bild, als der Langarica Canyon. Nicht minder schön und mit dem kleinen Becken am Ende des Erreichbaren mindestens genau so reizvoll.




Gestärkt mit einem Salat aus einem der verachteten Standrestaurants, ja, der Hunger trieb uns dazu das Ganze zu unterstützen, kraxeln wir bei 30 Grad den Berg wieder hoch. Als wir eine gefühlte Ewigkeit später und völlig fertig an unserem Bus ankommen, ist mit uns nicht mehr viel anzufangen und von der schönen Abkühlung im Canyon ist nichts mehr übrig.

Wir ruhen uns im Schatten aus. Doch die Hitze ist unerträglich… Also beschließen wir weiterzufahren und die triefenden Körper vom Fahrtwind trockenen zu lassen. Ein genaues Ziel gibt es nicht. Wir fahren in Richtung Norden bis kurz vor den Llogara-Pass. Dort, in Palase, hatten wir einige Tage zuvor, als unsere Bremsen versagten, einen breiten Strand mit Zufahrtstraße gesehen. Von der Passstraße aus war gut zu erkennen, dass im Uferstreifen die Mündung eines ausgetrockneten Flusses verläuft. Ein interessantes Bild, das wir uns gerne aus der Nähe anschauen möchten.

Was wir von oben aus nicht sehen konnten, sind die Bauarbeiten, die links und rechts der Flussmündung stattfinden. Auf der linken Seite errichten einzelne Männer aus Strandgut kleine Bars, auf der Rechten erstreckt sich die, komplett aus Beton bestehende, hässliche Feriensiedlung „Green Coast“. Was für ein Widerspruch! Die Arbeiten scheinen still zu stehen. Das einzige, was uns auffällt, sind die 2 mies gelaunten Polizisten, die den Eingang zum unfertigen Resort absichern. Wir stellen uns vor die Bar eines hart arbeitenden Einzelkämpfers und sind beeindruckt von seinem Willen, die Bar rechtzeitig zum Saisonstart fertigzustellen.

Als wir abends unter der Markise sitzen, schlägt das Wetter plötzlich um. Schwarze Wolken scheinen unser Hochdach zu streifen, bevor Blitz und Donner über uns einbrechen. Seltsamer Weise bleibt es vorerst trocken. Ein unglaubliches Spektakel beginnt. Blitze schlagen in die umliegenden Berge des Llogara Nationalparks ein und erhellen die Umrisse der bedrohlich aussehenden Wolken.

Fasziniert von der Gewalt der Natur, sitze ich stundenlang da und versuche mit der Kamera einen der Blitze einzufangen. Und der Versuch gelingt! „Ich glaube, ich habe noch nie etwas so Cooles fotografiert, wie Blitze! Das kann man irgendwie mit Glückspiel vergleichen. Der Belohnungseffekt, wenn ein Bild von hunderten gelingt, ist riesig!“




Irgendwann gebe ich mich mit dem Ergebnis meiner Bemühungen zufrieden, sitze aber noch lange in der Dunkelheit und beobachte das Schauspiel, bevor ich mich, zur längst schlafenden Lola, ins Bett lege.

Der nächste Tag startet mit einem Wolkenbruch. Als wenn jemand eimerweise Wasser vom Himmel kippen würde, kommt ein Sturzbach den Hang hinunter und reißt eine rot-braune Flut aus Schlamm und Geröll mit sich. Zum Glück ist der Untergrund steinig. Dadurch müssen wir uns keine Sorgen machen, weggespült zu werden und können am selben Ort das zweite Naturschauspiel beobachten.

Rasend schnell breitet sich das schlammige Wasser im blauen Meer aus. Die aufeinandertreffenden Farben bieten einen so kontrastreichen Anblick, wie ich ihn in der Natur noch nie gesehen habe. ,Schade, dass es immer noch so stark regnet‘, denke ich. Diesen Moment würde ich nur zu gerne mit der Drohne von oben aufnehmen! Nach nur wenigen Minuten ist das sonst kristallklare Meer durchzogen von braunen Schlieren und verschluckt die angeschwemmten Massen.

Der Wetterdienst verspricht keine Besserung und vor dem Llogara-Pass haben wir, nach unserer letzten Erfahrung mit ihm, großen Respekt. Somit geht es für uns wieder in Richtung Süden. Die Straße und die kleinen Dörfer entlang der Rivieraküste kennen wir mittlerweile wie unsere Westentasche.

Doch ein Ziel haben wir noch. Und zwar ganz im Süden, kurz vor der griechischen Grenze –

Das „Blue Eye“!

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Reisen in grün

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