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  • Tim

Einschneidende Erlebnisse

Es sind zwei ruhige Nächte, die wir auf unserem Platz neben dem alten Strandbistro, verbringen. Tagsüber genießen wir die Sonne und erledigen lange aufgeschobene Dinge, wie den Einbau eines neuen Trennrelais zwischen unsere beiden Batterien. Als alles erledigt ist, entscheiden wir weiter zu ziehen, da das Wetter schlechter werden soll und wir uns zur Abwechslung mal eine Höhle angucken wollen. Es geht nach Ioannina. Während wir einen Nachtplatz suchen, hält der Wetterbericht, was er verspricht und es beginnt zu regnen. An einem großen See werden wir fündig. Einen kleinen Parkplatz, an einer wenig befahrenen Straße, nutzen wir, um eine Nacht zu bleiben, bevor wir die Tropfsteinhöhle "Pamena" besuchen. Am nächsten Morgen werde ich von einem Hundekonzert geweckt. Es regnet immer noch und etliche Vögel ziehen ihre Kreise über dem nebelvergangenen See, der von schneebedeckten Bergen umringt zu sein scheint. Noch bevor wir frühstücken, kuscheln wir uns auf dem Sofa in unsere Decken ein und versinken in unseren Büchern. Der Tag vergeht, ohne, dass wir es mitbekommen und ohne die Höhle gesehen zu haben. Wie das mit unseren Plänen halt so ist. Na gut, morgen ist auch noch ein Tag. Wir haben ja keinen Stress. Unserer Reisekasse tut es defintiv gut mal ein paar Tage nicht zu fahren.


Wir erreichen die Höhle relativ früh morgens. Ohne etwas gegessen zu haben, kaufen wir unsere Tickets und steigen hunderte von Treppen hinab. Es ist schwül, der Regen der letzten Tage sickert durch das poröse Gestein und tropft unablässig auf uns runter, während wir von einer elanvollen Frau durch die 2.000.000 Jahre alte Welt der Stalakmiten und Stalaktiten geleitet werden. Ein schmaler, aus Beton gegossener, Pfad führt uns entlang beeindruckender Formationen aus Kalk, die mit ein bisschen Fantasie aussehen wie kleine Figuren und vorbei an kleinen Seen aus glasklarem Wasser. Nach einer guten halben Stunde haben wir den Ausgang fast erreicht. Noch einmal 150 Stufen bis zur Erdoberfläche, dann stehen wir wieder im Freien


Kurz darauf sitzen wir wieder im Auto und fahren, voller Eindrücke aus der Unterwelt, in Richtung Meteora. Eine der beliebtesten, in Sommer völlig überlaufenen, Touristenattraktionen, wollen wir nicht auslassen, auch wenn uns Klöster normalerweise nicht wirklich interessieren. Am frühen Abend erreichen wir eine kleine, in den Bergen gelegene Stadt in der Nähe der Klöster. Wir suchen uns einen Nachtplatz und gehen schlafen.

Am Morgen danach bietet sich uns ein wunderschönes Panorama. Wie Hochhäuser stechen die schneebedeckten Bergkämme, die wir von unserem Nachtplatz in Ioannina schon bestaunt haben, durch die Wolkendecke. Direkt davor, eine Hand voll Felsnadeln, wie in die Landschaft gewürfelt. Und darauf, wie Spielzeughäuser, die Klöster von Meteora.


Nach einem ausgiebigen Spaziergang mit Lucy, bringen wir die letzten 15km hinter uns, bevor wir mitten drin stehen. Umringt von gewaltigen Felsen, die nicht aus dieser Welt zu stammen scheinen. Noch nie habe ich etwas Vergleichbares gesehen! Alleine für dieses Naturwunder hat es sich schon gelohnt hier herzukommen. Zum Glück! Denn als wir das Kloster "Metamorphosis" erreichen, müssen wir feststellen, dass wir zu spät aufgestanden sind und die Öffnungszeiten verpasst haben. Ärgerlich, aber was soll‘s. Auch hier wieder - morgen geht die Sonne auch wieder auf. Wenn auch vielleicht nicht hier. Wir fahren zurück zu unserem Nachtplatz mit der grandiosen Aussicht, machen es uns gemütlich, lesen und essen One-Pot-Pasta. Unser Standardgericht, das es seit Beginn unserer Reise, dank der Einfachheit des Rezeptes, mehrmals die Woche gibt.



Der nächste Tag. Wie gehofft, geht die Sonne auf und wir beginnen den Tag ähnlich wie den letzten. Lucy-Spaziergang, Tee und los. Und es geht ähnlich weiter, wie am letzten Tag. 15km durch die außerirdisch wirkende Landschaft, die auch beim zweiten Mal noch beeindruckend ist, und dann stehen wir da. "Wegen Bauarbeiten ab dem 2.2. geschlossen!" Und jetzt rate mal, welches Datum wir haben? Richtig, den 2.2. Wir geben es vorerst auf. Vielleicht kommen wir ja im März nochmal wieder. Oder auch nicht...


Wir nehmen es mit Humor und machen uns auf den Weg, raus aus dem Gebirge. Denn als nächstes steht mal wieder eine heiße Quelle auf dem Plan. Ein warmes Bad in Aussicht ist Trost genug! Wir fahren die kurvige, steile Strecke hinab und passieren einen kleinen Ort am Fuß der Felsen. Dann der Schock. Inmitten einer vollgeparkten Gasse, die an einem Marktplatz vorbeiführt, passiert es wieder. Unsere Bremse verabschiedet sich und erst in letzter Sekunden können wir das Auto mit Hilfe der Handbremse zum Stehen zwingen, bevor wir in ein stehendes Auto krachen. Da stehen wir nun. 10% Gefälle vor uns, etliche Menschen mit Tüten voller Gemüse und Obst, die die Straße queren, keine Möglichkeit am Straßenrand zu parken und hinter uns ungeduldige Autofahrer. Super... Uns bleibt also nur, uns weiter mit der Handbremse, als einzige Hilfe zum Stoppen, auf eine flache Ebene zu manövrieren.


Erleichtert, dass niemandem etwas passiert ist, erreichen wir einen Parkplatz, nachdem wir eine viel befahrene, 4 spurige Straße überquert haben. Motor aus, erstmal gucken, ob irgendwo Bremsflüssigkeit sprüht oder irgendetwas anderes auf die Ursache des Problems hindeuten. Aber nichts dergleichen. Unsere Vermutung, die Bremsflüssigkeit ist, auf der Bergabfahrt, zu heiß geworden und kocht. Das geringste Übel. Trotzdem sind wir nicht sicher, ob wir nicht lieber eine Werkstatt aufsuchen sollten. Aber die nächste "Garage" ist, laut Googlemaps, 28km entfernt. Also auf die Schnelle auch nicht zu erreichen. So entscheiden wir eine Stunde zu warten und dann einen Bremsversuch und einige weitere Tests durchzuführen.

Wir starten den Motor und lassen uns ein paar Meter rollen. Und siehe da, die Bremse tut was sie soll. Auch mit mehr Schwung, kommen wir ohne Probleme zum Stehen. Die Bremse verliert keinen Druck und wirkt, nach der einen Stunde Abkühlzeit, wieder ganz normal. Langsam und vorsichtig wagen wir uns wieder auf die Straße. Es ist nicht viel los und geht hauptsächlich auf ebener Strecke Geradeaus. Das Problem tritt nicht wieder auf. Da nur das kommende Wochenende vom Wetter her noch gut sein soll, verzichten wir auf einen Werkstattbesuch und folgen wieder dem ursprünglichen Plan: Thermopylen.


Am frühen Abend erreichen wir die dampfende Wasserlandschaft. Doch ganz so einsam und idyllisch, wie wir sie uns vorgestellt hatten, ist sie nicht. Kinder spielen im Dreck und ein Meer aus weißen Wohncontainern verteilt sich um eine offenbar bewohnte Ruine. Auf einem Banner an einem der Container lese ich "refugees project". Damit ist klar, hier "leben" Menschen. Wir fahren an dem Camp vorbei und halten einige 100 Meter weiter neben einem der milchig blauen Wasserbecken. 3 Männer nehmen gerade ein Bad und als ich mich zu ihnen geselle, kommen wir mit Händen und Füßen ins Gespräch. Wir verstehen uns gut, lachen viel, obwohl die Sprachbarriere ziemlich groß ist. Einer der Männer, er hat durch seinen tiefschwarzen Schnauzer gewisse Ähnlichkeit mit Borat, spielt sehr ausdauernd mit Lucy und hat sichtlich Freude daran. Ich finde heraus, dass die Männer aus dem Irak kommen und nachdem sie 8 Monate auf Lesbos unter unmenschlichen Zuständen gehaust haben, hier in Thermopylen gelandet sind. Nachdem ich Zigaretten und Kekse ausgegeben habe, ist das Eis endgültig gebrochen. Es folgt eine Einladung zum Essen mit der Familie des einen, jungen Mannes. Wir müssen eine Entscheidung treffen. Liebend gerne würden wir die Einladung annehmen. Aber etwas macht uns Sorgen. Nein, nicht darüber, dass uns etwas passieren würde. Eher darum unser Auto, in dem unsere sämtlichen Wertgegenstände verstaut sind, unbewacht vor einem Dorf voller verzweifelter Menschen zu parken. Wir müssen an die letzte Einladung, die wir von einem Mann namens Ilir, in Albanien bekommen hatten, denken und daran, wie sehr wir uns im Nachhinein darüber geärgert haben, die Einladung nicht angenommen zu haben. Also Vertrauen wir auf unser Karma, stecken uns sämtliches Bargeld und unsere Pässe in Boxershorts, BH und Taschen und schließen das Auto ab. Dann sind wir mitten drin. Es ist voll, überall stehen Menschen herum und als wir das Haus betreten, in dem unglaublich viele Menschen untergebracht sind, sind alle Blicke auf uns gerichtet. Unser Gastgeber gibt bekannt, dass wir aus Deutschland kommen. Plötzlich kommen wir aus dem Händeschütteln gar nicht mehr raus. Von Kleinkind bis Großvater, jeder heißt uns in "seinem" Camp willkommen. Wir laufen einen endlos langen Flur entlang. Links und rechts Türen. Ich frage mich, was uns hinter der Tür, die unser Gastgeber gleich öffnen wird, erwartet. Ich rechne mit dem Schlimmsten. Einem verdeckten Loch, in dem eine ganze Familie hausen muss. Zum Glück wird meine Erwartung nicht ganz erfüllt. Wir betreten einen ca. 15qm großen Raum. Der Boden ist mit dünnen Matratzen ausgelegt, auf einem Doppelstockbett stapeln sich Kartons und in einer Ecke steht ein kleiner Schrank mit strombetriebenem Kochfeldern oben drauf. Es ist angenehm warm und duftet nach frischem Gemüse. 7 Personen, 5 Kinder und 2 Erwachsene, leben in diesem Raum. Zusammengepfercht wie die Hühner in einem Mastbetrieb. Trotzdem ist es sauber und bemessen an den Umstände erstaunlich gemütlich.

Das Essen, welches die Frau von Mohammad, unserer Bekanntschaft von der Quelle, zubereitet hat, ist einfach aber köstlich. Gut gewürzter Reis, ein Tomatensalat und kurdisches Brot werden auf dem Boden sitzend auf einer Wachsdecke verspeist. Auch Nachbarn und Freunde der gastfreundlichen Familie sind eingeladen und so sitzen wir zwischenzeitig mit 20 Personen dicht an dicht im Kreis. Die älteste Tochter von Mohammad spricht als Einzige Englisch und so wird es zu ihrer Aufgabe die Dolmetscherin für beide Seiten zu spielen. Ein schwieriges Unterfangen, welches das Mädchen mit etwas Überwindung meistert und dazwischenredende Männer gestikulierend und lautstark auf Arabisch zum Schweigen bringt. Taffes Mädel, mit ihren geschätzten 15 Jahren. Tief schürfende Themen kommen auf den Tisch und ihre Geschichten von der Flucht aus der Bomben geschundenen Heimat berührt uns zutiefst. Dann wird es plötzlich still, keiner spricht mehr, außer dem Mädchen. Sie fragt uns etwas, das wir erst nicht verstehen und dann schockiert begreifen. Wir sollen ihren 13 jährigen Bruder mit nach Deutschland schmuggeln, damit er zur Polizei gehen kann, um die gesamte Familie nachzuholen. Der Junge ist 13 Jahre alt! Und die Chancen, dass dieser Plan aufgeht, sind minimal! Was, wenn es nicht klappt? Mit welchen Gedanken muss das Kind dann leben, das es nicht geschafft hat, seine Familie aus dem Dreck zu ziehen? Eine Idee, die aus purer Verzweiflung entstanden sein muss. Eine Stunde später verlassen wir das Haus. Wir sind emotional aufgekratzt und die Gedanken, wie man den Menschen helfen könnte, verlaufen ins Nichts, während wir losfahren, ohne zu wissen wohin...

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