• Tim

Tiefe Abgründe

Die Tage im Langarica Canyon verlaufen ungewohnt ruhig. Wir arbeiten endlich einmal wieder an neuen Blogbeiträgen, sortieren unsere bisher aufgenommenen Bilder und holen auch sonst alles nach, was wir viel zu lange aufgeschoben haben. Das Ganze natürlich unter der Markise sitzend, mit einem Panorama wie aus dem Bilderbuch. Eine uralte Steinbrücke ziert den Eingang des Canyons und verbindet die beiden Ufer des gemächlich fließenden Flusses.



Die Sonne brennt vom Himmel und viele Einheimische besuchen den Canyon mit seinen heilenden Quellen, um ein Bad zu nehmen. Alle sind sehr freundlich, geben uns Reisetipps und versuchen sich, mit Hilfe von Händen und Füßen, mit uns zu unterhalten. Wir erfahren, dass man nach 2,5km Gekraxel eine weitere, weitaus verwunschenere Brücke finden soll. Dem wollen wir natürlich auf den Grund gehen.


Am zweiten Tag stehen wir um 5 Uhr auf, um das Morgenlicht für gute Fotos zu nutzen. Das menschenleere Becken der ersten und größten Quelle ist ein perfektes Motiv und das fade Licht verleiht dem Ort eine mystische Atmosphäre.



Als der Sonnenstand seinen höchsten Punkt erreicht, ist die Hitze kaum noch auszuhalten und wir entscheiden eine Wanderung ins Innere des Canyons zu machen, um vor der erbarmungslosen Sonne in den Schatten zu flüchten. Schlecht vorbereitet und barfuß, nur mit einer Flasche Wasser, Kamera und Handtüchern ausgerüstet, laufen wir los.


In den Sommermonaten ist der Wasserstand der Langarica, der Fluss, der sich seinen Weg durch den Fels bahnt, sehr niedrig und wir können problemlos durch das Wasser waten, ohne von der Strömung mitgerissen zu werden. Die Langarica ist einer der Wasserlieferanten der beeindruckend breiten, blau leuchtenden „Vjosa“. Diese wiederum wird aus gutem Grund auch „das blaue Herz Europas“ genannt und ist einer der letzten, naturbelassenen Wildwasserflüsse unseres Kontinents.


Mindestens genau so blau, wie das Wasser der großen Schwester, ist auch die Langarica und lockt uns tief in den Canyon hinein. Nach einem Kilometer erreichen wir einen ca. 1,20m tiefen, türkisblauen Pool, in dem sich silbrig glänzende Fische tummeln.



Begleitet vom hallenden Sound der Frösche, laufen wir weiter durch das kühle Nass. Vorbei an kleinen Wasserfällen, alten, verdorrten Bäumen, beeindruckenden Höhlen und die unberührte Natur lässt uns Raum und Zeit gänzlich vergessen. Die nach Schwefel riechenden Quellen laden immer wieder zu einem wohltuenden Bad ein und die Kamera läuft auf Hochtouren. Daher kommen wir nur sehr langsam voran, können das Erleben dafür aber voll und ganz genießen.




Nach etwa 2 Stunden stellen wir fest, dass es ziemlich dumm war, nichts zu Essen einzupacken. Denn das Frühstück ist mehr oder weniger ausgefallen und allmählich macht sich das bemerkbar. Die Laune droht zu kippen. Trotzdem beschließen wir weiterzugehen. Die Brücke wollen wir definitiv sehen! Dazu soll es aber nicht kommen…


Nachdem wir ein großes, wirklich tiefes Wasserbecken durchquert haben, fallen mir plötzlich eigenartige Spuren im schlammigen Untergrund auf. Wir verfolgen die Spur und als sie deutlicher werden, sind große Krallenabdrücke zu erkennen. Uns wird klar, diese Spuren sind von einem Bären! Aus einem Vergleich mit unseren eigenen Spuren schließen wir, dass es noch nicht allzu lange her sein kann, dass der Bär hier war.


Bevor wir uns in Gefahr begeben, kehren wir um. Im Stechschritt hechten wir, uns immer wieder umguckend, über die großen Steine und passieren das kurz zuvor durchquerte Becken. Wir warnen 2 Wanderer, die uns entgegenkommen. Diese scheint der Bär aber nur herzlich wenig zu interessieren. Denn sie machen keine Anstalten umzudrehen. Na gut, denken wir uns. Dann machen wir wenigstens nicht als Erste Bekanntschaft mit dem Teddy. :D



Mit nur einer kurzen Pause bestreiten wir den Rückweg und als wir den Dicken erreichen, sind die Köpfe am glühen, denn vom erhofften Schatten hatten wir nur begrenzt viel. Die Beine und Füße brennen und der Magen knurrt seit Stunden.

Während wir auf unseren Stühlen vor dem Bus sitzen und essen, kommt ein muskulös, aufgepumpter Albaner zu uns. Es stellt sich heraus, dass der Mann Tourguide ist, mehrere Sprachen spricht, unter anderem auch relativ gut Deutsch, und die Natur genau so liebt, wie wir.


Ein sehr interessantes Gespräch über die politische Lage, das Leben in Albanien, die einzigartige Landschaft und den wachsenden Tourismus entsteht. Immer wieder fragt Ilir, so heißt der ruhige, durchtrainierte Mann, ob er uns stören würde und entschuldigt sich für das Verhalten einiger Albaner, die im Ausland krumme Geschäfte machen. Wieder einmal merken wir, dass das Bild, was die breite Masse von den Albanern hat, von Hollywoodfilmen geprägt und eine große Lüge ist. Noch nie habe ich ein Land bereist, in dem ich mich so willkommen gefühlt habe. Umringt von freundlichen, hilfsbereiten Menschen!


Als Ilir wieder auf sein Fahrrad steigt, läd er uns zu sich nach Hause ein. Er möchte uns sein Haus zeigen und uns auf einen selbstgebrannten Raki einladen. Ich bin überwältigt von der Gastfreundschaft, bin aber gleichzeitig zu beschämt, wegen der allgegenwärtigen Armut und unserem materiellen Überfluss, um sein Angebot anzunehmen. Als wir Permet am nächsten Tag verlassen bin ich demütig und ärgere mich, dass wir die Einladung nicht wahrgenommen haben. Denn an Interesse am albanischen Leben mangelt es nicht.


Wir fahren gen Süden. Die Reviera lockt mit dem warmen, kristallklaren Wasser des Mittelmeers und weißen Stränden. Wenig später erreichen wir den Llogarapass, von dem aus wir im Abendlicht eine fantastische Aussicht genießen können. Doch der Genuss hält nicht lange an!



Nachdem wir den Gipfel überquert haben und 2/3 der Abwärtsfahrt hinter uns haben, fällt plötzlich das Bremspedal durch. Kein Bremsdruck, kein Anhalten… Und das auf einem Pass, der nicht selten Gefälle von 10% hat! Uns beiden rutscht das Herz in die Hose und als wir uns mit der Handbremse auf einem kleinen Schotterplatz, neben der Straße, zum Stehen bringen, müssen wir den Schock erstmal verdauen, bevor wir über das Problem überhaupt nachdenken können.


Wir beratschlagen per Whatsapp mit der Familie, quetschen Google aus und entscheiden in Schieflage auf dem Berg zu übernachten, bevor wir mit dem Bus einen Abhang herunter segeln. Die Erholung dieser Nacht ist gleich Null, denn immer wieder werde ich von vorbeibretternden LKWs, läutenden Ziegen-, Schaf- und Eselherden geweckt und die Straßenhunde singen ab 3 Uhr im Chor.


Am nächsten Morgen ist der Bremsdruck wieder da. Trotzdem haben wir Angst, dass das Problem wieder auftritt und wir uns, auf dem Weg in eine Werkstatt, die Ohren abfahren. Mit 3200 Umdrehungen fahren wir im ersten Gang und mit 10km/h bis nach Dhermi. Dort soll es einen „Auto Servis“ geben, dessen Besitzer überall am Straßenrand mit einer Spraydose Werbung verteilt hat.


Als wir Dhermi erreichen, finden wir die „Werkstatt“ auf Anhieb. Allerdings ist sie eher eine Garage mit Wagenheber und der Mechaniker, der nicht ein Wort Englisch spricht, meint, wir sollen einfach mal einen Kaffee trinken und eine halbe Stunde warten. Dann sei das Problem weg. :D Höflichkeitshalber trinken wir den vorgeschlagenen Kaffee, fahren dann aber langsam weiter, da wir mit der Aussage nicht wirklich etwas anfangen können.


Den nächsten Versuch Hilfe zu finden, machen wir in Himare. Der kleine Küstenort ist übersäht mit Restaurant und Bars und nur durch Nachfragen finden wir eine weitere Wagenhebergarage. Einer der Mitarbeiter, der an einem Tisch sitzt und Bier trinkt, kann recht gut Englisch und nimmt sich uns an. Nach einem kurzen Check findet er das Problem. Kann es aber leider nicht beheben. Innerhalb von wenigen Minuten versammelt sich eine 10 Mann starte Truppe aus Hilfsbereiten um unser Auto.


Zwei junge Albaner kommen in einem schwarzen Jeep angefahren und versichern uns, dass sie unsere Bremse, im 60km entfernten Sarande, reparieren können. Während einer der neu dazugekommenen Mechaniker unser Auto fahren würde, sollen wir mit seinem Jeep hinterher fahren.


Ne, ne, ne!! So nicht mein Freund! :D Ich setze mich auf den Beifahrersitz und Lola bekommt den Schlüssel des schwarzen Jeeps in die Hand gedrückt. Ich kann gar nicht so schnell gucken, da brettert der Mechaniker schon los. Wie ein Geisteskranker knallt er, trotz kaputter Bremse, die Berge hoch und wieder runter.

Was geht hier bitte ab?! Ich sitze mit einem Mann mit Todeswunsch, mit dem ich mich nicht verständigen kann, in UNSEREM Auto und weiß nicht, wo wir hinfahren! Immer wieder versuche ich ihm klar zu machen, dass er langsamer fahren soll. Doch das gesamte Inventar unseres Dicken verteilt sich im Innenraum und zwei Tüten voll Obst verwandeln sich in einen Smoothie, der sich ebenfalls auf dem Boden verteilt.


Die letzten 15km ist der Bremsdruck wieder komplett weg und als wir die Werkstatt erreichen, fällt mir ein Stein vom Herzen. Ich habe es überlebt und der Mann, der sich als Lenc vorgestellt hat, ist tatsächlich Mechaniker. Noch bevor wir den Preis von 350 Euro abnicken können, ist der Dicke schon aufgebockt und Lenc steht in einer öligen Grube darunter. Da die Kupplung auch Probleme macht, bietet er uns an, für 70 Euro mehr, auch noch eine neue Kupplungsscheibe einzubauen. Wir nehmen das Angebot an, da der Preis für diese Arbeit mehr als günstig ist und lassen ihn machen.


Er demontiert die Vorderräder und die Bremsbeläge und verabschiedet sich in den Feierabend. Wie bitte?? Er baut uns die Karre auseinander und lässt uns aufgebockt stehen? Und wieder die Frage "was passiert hier?" Wir malen uns die kühnsten Geschichten aus und betrinken uns mit Captain Morgan, um die Situation etwas erträglicher zu machen.



Als Lenc am Abend auf dem Roller angefahren kommt, um uns eine Tüte voll Obst und Gemüse aus seinem Garten zu bringen, brechen alle erdachten Horrorszenarien zusammen wie ein Kartenhaus und werden von meinem schlechten Gewissen abgelöst. Wie ätzend! Nur, weil wir in einem fremden Land sind und die Sprache nicht sprechen, fangen wir an böse Gedanken zu hegen. Ein Punkt, an dem ich arbeiten muss! Denn nur, weil mir etwas komisch vorkommt, heißt das noch lange nicht, dass es auch wirklich komisch ist!


Wir schlafen mal wieder wenig und werden vom Ruf des Mueziens geweckt, kurz bevor Lenc zur Arbeit kommt. Innerhalb von 3 Stunden sind die Arbeiten an der Bremse erledigt und die nächste Horrorfahrt beginnt. Während der sogenannten Probefahrt scheint Lenc unser Auto auf Herz und Nieren testen zu wollen. Mit 100km/h knallt er durch 30-Zonen, hupt in einer Tour und zeigt mir zeitgleich, von der Straße aus, seine Lieblingsstrände. Währenddessen höre ich heraus, dass er die Kupplung angeblich auch schon repariert hätte und wir mit dem Auto jetzt bis nach Amerika kommen würden. AHA?! Wie jetzt Kupplungsscheibe neu? Das hätten wir doch mitbekommen! Das Einzige, was er gemacht hat, ist die Kupplung zu entlüften. Und dafür 70 Euro zu verlangen ist definitiv nicht gerechtfertigt!


Als wir wieder bei der Werkstatt ankommen, verlangt Lenc sein Geld. Da wir keine Lust auf eine Diskussion mit Händen und Füßen haben, kratzen wir alle Reserven zusammen und geben sie ihm. Während wir losfahren, ärgern wir uns darüber, dass wir einen derartig widerlichen Touripreis bezahlt haben. Doch das schieben wir schnell beiseite, da wir daran eh nichts mehr ändern können und wir wieder unterwegs sind.


Wir steuern den erstbesten Strand an. Dieser ist nicht besonders schön, ziemlich steinig und der ufernahe Bereich ist überseht von kalten Quellen. Doch wir sind komplett alleine und können nackt baden gehen, ohne jemanden zu belästigen. Da ist sie wieder! Die Entspannung, die Freiheit, der Ausgleich für all den Stress, den wir mal wieder hatten.



Und die Moral von der Geschicht, Reisen ist ein auf und ab. Wer das Abenteuer sucht, muss damit rechnen, dass nicht immer alles nach Plan läuft. Dass nicht immer alles glatt läuft. Es gehört einfach dazu, dass unvorhersehbare Probleme auftreten! Und auch wenn sie lästig sind, kann man an ihnen wachsen. <3

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Reisen in grün

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